Grand Hotel Wien: Grubenhund

Hotels sind oft nur zufällig der Ort, an denen Wichtiges und Beiläufiges das Licht der Welt erblickt. So ist uns aus dem Grand Hotel in Wien berichtet worden, dass in einem seiner historischen Salons (das Hotel gleicht in seiner heutigen Form nur in seinem Äußeren dem Grand Hotel jener Zeit) dereinst der Grubenhund das Licht der Welt erblickte. Diese bisdann unbekannte Rasse zählt heute zu den bedeutendsten des verbalen Tierreichs. Sie ist durchaus verwandt mit der Ente und dem Frosch. Doch nun zu unserem Bericht, der uns in das Jahr 1911 entführt:

Die Massenmedien waren häufig nicht nur Mittel, sondern auch Ziele von Falschmeldungen. Als Pionier auf diesem Gebiet hat sich Arthur Schütz einen Namen gemacht. Am Beginn stand eine Wette: Am 17. November 1911 traf sich eine Gruppe befreundeter Ingenieure im Wiener Grandhotel zum Mittagessen. Die Gespräche drehten sich um die aktuellen Tagesereignisse. Besondere Aufmerksamkeit fand die Berichterstattung der Neuen Freien Presse. Das bürgerliche Leibblatt, das bereits so manchem seiner Leser auf den Magen geschlagen war, hatte ein kleines Erdbeben zu einem bedeutenden Ereignis anschwellen lassen .
Angesichts dieser Schmockerei kam dem Ingenieur Schütz, Teilnehmer an diesem Tischgespräch, blitzartig eine Idee. 20 Jahre später erinnert er sich:
“Ein wilder Wunsch trieb mich plötzlich in das Schreibzimmer des Hotels. Dort schrieb ich unter dem Zwange eines mir selbst unbegreiflichen Impulses in einem Zuge, wie im Fieber, den haarsträubendsten technischen Unsinn, der mir gerade einfiel, in der Form eines Erdbebenberichtes an die ,Neue Freie Presse’ nieder. Alles an diesem Berichte war Spott und Hohn, und nichts als ein Höllenwirbel hirnrissiger Verkupplung aller technischen Begriffe.” (Schütz 1931: 11 bzw. Schütz 1996: 11)

Am nächsten Morgen stand in besagter Zeitung ein langer Artikel. Als Autor ist an­gegeben ein Dr. Ing. Erich Ritter von Winkler, Assistent der Zentralversuchsanstalt der Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke. Unter der Überschrift „Die Wirkungen des Bebens im Ostrauer Kohlenrevier” heißt es dort unter anderem:
“Da ich gestern abends mit dem Nachtzuge nach Wien fahren mußte, so benützte ich die vorgerückte Stunde, um noch einige dringende Arbeiten in unserer Versuchsanstalt zu erledigen. Ich saß allein im Kompressorenraum, als - es war genau 10 Uhr 27 Minuten - der große 400pferdekräftige Kompressor, der den Elektromotor für die Dampfüberhitzer speist, eine auffällige Varietät der Spannung aufzuweisen begann. Da diese Erscheinung oft mit seismischen Störungen zusammenhängt, so kuppelte ich sofort den Zentrifugalregulator aus und konnte neben zwei deutlich wahrnehmbaren Longitudinalstößen einen heftigen Ausschlag (0,4 Prozent) an der rechten Keilnut konstatieren. Nach zirka 55 Sekunden erfolgte ein weit heftigerer Stoß, der eine Verschiebung des Hochdruckzylinders an der Dynamomaschine bedingte, und zwar derart heftig, daß die Spannung im Transformator auf 4,7 Atmosphären zurückging, wodurch zwei Schaufeln der Parson-Turbine starke Deformationen aufwiesen und sofort durch Stellringe ausgewechselt werden mußten.
Da bei uns alle Wetterlutten im Receiver der Motoren zusammenlaufen, so hätte leicht ein unabsehbares Unglück entstehen können, weil auf den umliegenden Schächten die Förderpumpen ausgesetzt hätten.
Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.” (Schütz 1996: 24)

Was hatte der Verfasser gemacht? Er hatte, sozialwissenschaftlich gesprochen, ein Feldexperiment gemacht. Er ging dabei von der Hypothese aus, dass ein Bericht aufgenommen werde, sobald er nur „im Gewande der Wissenschaft schillere und von einem gut klingenden Namen gezeichnet sei” sowie „den ausgefahrenen Gedankenbahnen des Publikums und der Mentalität des Blattes entspreche” (Schütz 1996: 39). Diese Hypothese, die ihn als einen Vorläufer moderner Massenkommunikationsforschung ausweist, konnte er verifizieren, dieses Mal und noch viele weitere Male.

Arthur Schütz bereicherte die wissenschaftlich-technische Zivilisation in
der Folge
•    um ovale Wagenräder und feuerfeste Kohlen,
•    um Degeneratoren und Seilrillen,
•    um Imprägnierungsanlagen für eichene Ridialholznieten und um kupferne Isolatoren,
•    um plombierte Zahnräder, Betonwürmer und Paraffinzündholzfabriken,
•    um Glühkopfmotoren, Lokomotivvergaser und viele andere Innovationen .

aus:
Bernhard Pörksen, Wiebke Loosen, Armin Scholl (Hrsg.) Paradoxien des Journalismus
Theorie - Empirie - Praxis Festschrift für Siegfried Weischenberg
Die wahre Fälschung
Auf den Spuren von Arthur Schütz als Pionier der journalistischen Qualitätsforschung
Walter Hömberg/Andreas Stumpf

 

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